Ausbildung zur Berufskraftfahrerin: Joeline und Leonie über ihren Alltag

Joeline Sockel und Leonie Horn sind 20 und 19 Jahre alt und auf dem Weg, einen der größten Arbeitsplätze überhaupt zu beherrschen. Als angehende Berufskraftfahrerinnen bei der Nagel-Group in Borgholzhausen lernen sie, tonnenschwere LKW sicher durch den Straßenverkehr zu bewegen. Dabei geht es um weit mehr als Fahren: um Verantwortung, Technik, Organisation und um das gute Gefühl, jeden Tag etwas Neues zu erleben.

„Viele reagieren zunächst skeptisch, weil sie sagen: Das ist ein Beruf für Männer oder Frauen können das nicht. Aber ich kann genauso einen LKW lenken wie ein Mann auch. Es ist ja nicht so, dass ich zwei linke Hände habe und ein Mann das automatisch besser kann. Das ist Übungssache.“ – Joeline

Angehende Berufskraftfahrerinnen vor einem Lkw der Nagel-Group

v.l.n.r.: Joeline Sockel und Leonie Horn

Aus Interesse wurde ein konkreter Berufswunsch

Als Leonie mit ihrer Schule eine Berufsmesse besucht, hat sie noch keinen konkreten Ausbildungsberuf im Kopf. „Ich wollte ein bisschen out of the box denken und nicht so etwas Typisches machen, was man mit einer Frau in Verbindung bringt“, erzählt sie. Der Auftritt mit einem LKW fällt ihr auf, im Gespräch mit den Ausbildenden erfährt sie, wie vielseitig der Beruf ist. Es folgt ein dreieinhalbwöchiges Schülerpraktikum, später absolviert sie zwei weitere Praktika – auch im Büro. Danach weiß Leonie, dass sie lieber unterwegs sein möchte: „Ich habe festgestellt, dass mir das draußen auf der Straße doch ein bisschen besser gefällt, als zukünftig im Büro zu sitzen.“

Joeline kommt auf einer Berufsmesse auf ganz ähnliche Weise mit der Nagel-Group ins Gespräch. Sie nimmt das Angebot für ein zweiwöchiges Praktikum in den Sommerferien an und fährt erstmals in einem LKW mit. Aus Neugier wird ein Berufswunsch.

„Ich habe schon ein paar Eindrücke gesammelt und fand das sehr cool, weil man vieles erlebt“, sagt Joeline. „Gerade wenn man später unterschiedliche Strecken fährt, sieht man auch viel. Darauf hatte ich Lust.“

Der Führerschein ist nur ein Teil der Ausbildung

Mittlerweile befinden sich Joeline und Leonie im letzten Abschnitt ihrer Ausbildung. Dass ihr Beruf von außen häufig auf das Fahren reduziert wird, können beide nicht nachvollziehen.

„Man stellt sich das vielleicht so vor: Ich setze mich in den LKW, fahre acht Stunden und das war es dann“, sagt Joeline. „Aber man belädt oder entlädt den LKW, muss verschiedene Dokumente führen, seine Zeiten einhalten und darauf achten, dass alles glattläuft und man pünktlich am Abladeort ankommt.“

Hinzu kommt die Verantwortung für das Fahrzeug, die Ladung und andere Verkehrsteilnehmende. „Man hat eine ganz andere Verantwortung als ein PKW-Fahrer“, ergänzt Leonie. „Wenn man voll beladen ist, hat man längere Bremswege. Man muss die Lenk- und Ruhezeiten einhalten und bei der Ladungssicherung darauf achten, dass alles richtig steht und man nicht überladen ist.“

Deshalb beginnt die Ausbildung bei der Nagel-Group nicht erst hinter dem Lenkrad. Im Lager lernen die Auszubildenden, wie ein Fahrzeug richtig be- und entladen wird. In der Servicehalle beschäftigen sie sich mit der Technik und führen kleinere Reparaturen aus. Bürostationen vermitteln ihnen, wie Frachtpapiere, Palettenscheine und weitere Dokumente geprüft und bearbeitet werden.

Auch den LKW-Führerschein erwerben die Auszubildenden während ihrer Ausbildung. Die Kosten übernimmt die Nagel-Group. Nach der Prüfung fahren sie zunächst gemeinsam mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, lernen unterschiedliche Touren kennen und übernehmen nach und nach mehr Verantwortung.

Angehende Berufskraftfahrerinnen vor einem Lkw der Nagel-Group

v.l.n.r.: Joeline Sockel und Leonie Horn

Die ersten Touren

Joeline hat ihre Führerscheinprüfung vor mehreren Wochen bestanden und begleitet mittlerweile einen Kollegen auf einer Pendeltour Richtung Versmold.

„Er ist dabei, damit man sich noch sicherer fühlen kann“, erzählt sie. „Er zeigt mir, wie er seine Protokolle und Entladeberichte ausfüllt, welche Firmen er anfährt und was auf der Tour wichtig ist.“

Leonie hatte ihren Führerschein seit rund sechs Wochen und war bereits auf unterschiedlichen Strecken unterwegs. Nach ersten Fahrten im Pendelverkehr rund um Versmold folgten längere Touren.

Wo die Reise nach der Ausbildung hingehen soll, wissen beide noch nicht genau. Joeline kann sich längere Strecken gut vorstellen, möchte aber zunächst erleben, wie sie mit den vielen Stunden auf der Autobahn und den verschiedenen Schichten zurechtkommt.

„Manche können das total gut ab, andere sagen: Das ist nichts für mich“, sagt sie. „Genauso ist es mit der Schicht – ob man tagsüber, spät oder nachts fährt. Wenn wir alles ausprobiert haben, werden wir sehen, was wir langfristig machen möchten.“

Leonie tendiert momentan eher zum Nahverkehr. Die längeren Autobahnfahrten seien für sie als Anfängerin noch ungewohnt. „Das strengt schon an, weil es wenig abwechslungsreich ist“, sagt sie. „Stand jetzt kann ich mir Langstrecke noch nicht wirklich vorstellen. Aber das kann sich im Laufe der Ausbildung natürlich noch entwickeln.“

„Man hat eine ganz andere Verantwortung als ein PKW-Fahrer. Wenn man voll beladen ist, hat man längere Bremswege. Man muss die Lenk- und Ruhezeiten einhalten und bei der Ladungssicherung darauf achten, dass alles richtig steht und man nicht überladen ist.“ – Leonie

Alltag mit Abwechslung und neuen Herausforderungen

Abwechslung entsteht nicht nur durch unterschiedliche Strecken. Auch bei Kunden, mit den Papieren oder im Straßenverkehr gibt es immer wieder Situationen, auf die Fahrerinnen und Fahrer reagieren müssen.

„Es ist immer irgendetwas anderes“, erzählt Leonie. „Entweder sind es Verkehrsteilnehmer, die besondere Aufmerksamkeit erfordern, oder beim Kunden fehlt etwas oder mit den Papieren klappt etwas nicht. Dann sucht man eine Lösung.“

Ihre erste Panne hat Leonie ebenfalls schon erlebt. „In der Situation war das natürlich nicht so cool, weil der Arbeitstag dadurch deutlich länger wurde“, sagt sie. „Im Nachhinein war es aber lehrreich, den Ablauf mit dem Pannendienst einmal mitzubekommen und das, was man in der Schule und im Betrieb lernt, praktisch anzuwenden. Und ich war nicht alleine. Wir haben das zusammen gut gemeistert.“

Zuspruch, Skepsis und der eigene Weg

Wenn Joeline oder Leonie bei einem Kunden aus dem Fahrerhaus steigen, sorgt das noch immer für unterschiedliche Reaktionen. Vor allem Joeline erlebt neben viel Anerkennung auch Zweifel. „Viele reagieren zunächst skeptisch, weil sie sagen: Das ist ein Beruf für Männer oder Frauen können das nicht“, berichtet sie. „Aber ich kann genauso einen LKW lenken wie ein Mann auch. Es ist ja nicht so, dass ich zwei linke Hände habe und ein Mann das automatisch besser kann. Das ist Übungssache.“ In ihrer Familie ist sie die Erste, die einen solchen Beruf ergreift. Die Frauen in ihrem Umfeld arbeiten eher im Pflegebereich. Gerade deshalb sei das Interesse groß. „Meine Familie findet das sehr cool, weil niemand bei uns so einen Beruf hat“, erzählt Joeline.

Auch Leonies Familie und Freundeskreis reagierten zunächst skeptisch. Vor Beginn der Ausbildung habe sie selbst wenig Selbstvertrauen gehabt. Durch ihre Erfahrungen und den Rückhalt im Team habe sich das jedoch verändert. „Unsere Kollegen haben mir gesagt, dass ich keine so großen Bedenken haben muss“, erzählt sie. „Irgendwann ist das alles eine Sache der Übung und du kannst das genauso gut wie jeder andere, der hier arbeitet.“ Mittlerweile erlebt sie auch aus ihrem privaten Umfeld viel Zuspruch. Verwandte erkundigen sich nach ihren Touren, Freunde interessieren sich für ihre Erlebnisse und verfolgen, wie sie sich in der Ausbildung entwickelt.

Allein unterwegs und trotzdem Teil eines Teams

Was macht den Beruf für Joeline und Leonie zum Traumberuf – und was vielleicht auch nicht? Joeline nennt zuerst die Ruhe und Selbstständigkeit im Fahrerhaus: „Ich kann meine Musik anmachen und fahren. Darauf freue ich mich sehr.“

Leonie schätzt diese Ruhe ebenfalls. Einsam sei der Beruf für sie trotzdem nicht. „Man hat seine Ruhe, ist aber gleichzeitig nicht alleine, weil man Kolleginnen und Kollegen hat“, sagt sie. „Bei den Kunden trifft man immer wieder neue Leute. Und wenn man regelmäßig dieselben Kunden anfährt, begegnet man auch alten Bekannten.“

Zu den weniger einfachen Seiten gehören die Arbeitszeiten. Früh-, Spät- und Nachtschichten lassen sich nicht immer mit dem Alltag von Freunden und Familie vereinbaren. „Man muss sich bewusst sein, dass Freunde und Soziales dadurch etwas nach hinten rutschen können“, sagt Leonie. Für sie und ihr Umfeld sei das mittlerweile jedoch kein großes Problem mehr.

Welche Touren Joeline und Leonie später fahren und welche Schichten am besten zu ihnen passen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Schon jetzt wissen beide, was sie an ihrem Beruf schätzen: die Selbstständigkeit im Fahrerhaus, die Abwechslung unterwegs, die Verantwortung und den Rückhalt der Menschen, die sie auf diesem Weg begleiten.